Wort zu Woche zum 30. Oktober 2016

Liebe Leserin, lieber Leser,
die Kirche muss immerfort reformiert werden! Das ist eine der Grunderkenntnisse der Reformation. Daran erinnert dieses Wochenende, da am Montag der Erinnerungstag Reformation ist.
Erneuerung tut not, das spüren wir auch in der Kirche sehr stark. Dabei stehen wir gar nicht schlecht da. Wenn es auch örtliche Ausnahmen gibt, so bestätigen sie doch die allgemeine Wahrnehmung: Der Religionsunterricht an den Schulen genießt hohes Ansehen und die allermeisten Schüler/innen besuchen ihn gerne. Der Konfirmandenunterricht in den Gemeinden findet guten Zuspruch und die meisten Gruppen gelten als interessiert. Die jugendlichen kommen gerne, besuchen die Gottesdienste, gestalten sie mit. Rüstzeiten und Gemeindepraktika werden gerne angenommen. Das religiöse Interesse gerade unter Jüngeren und jungen Erwachsenen ist groß. Kirchengemeinden genießen eine hohe Wertschätzung für ihre Arbeit. Da frage ich mich: Wie schaffen wir es, dass daraus auch ein reger Besuch der Gottesdienste wird, dass das Gemeindeleben Schwung bekommt?Wie gelingt ein neuer Aufbruch, für den Reformation steht?
Zwei Dinge möchte ich zum Reformationsfest ansprechen. Das eine ist die Sprache. Den Leuten aufs Maul schauen war Martin Luthers Ansatz. Das heißt, verständlich reden, Alltagssprache und alltägliche Bilder verwenden. Alltag heißt nicht banal werden, doch verstehen was gemeint ist. Die Aktion „die ganze Bibel auf einem Bierdeckel" fand ich einen guten Anstoß dazu.
Das zweite ist die Musik. Luther griff gängige Melodien auf, die die Leute kannten und reimte religiöse Texte dazu. Warum also nicht „Atemlos durch die Nacht" einmal umdichten. „Nun mit Gott durch die Nacht, seine Hand über uns wacht; mit seinem Segen durch die Zeit, seine Güte uns geleit". Wenn die Menschen so in die Kirche stürmten wie auf die Tanzfläche, wäre das doch ein Erfolg.
All denen, die jetzt die Augen verdrehen, will ich sagen, dass ich begeisterter Mitsänger von Oratorien bin. Aber das Reformationsfest lädt ein, mal quer zu denken, mal zu phantasieren und auch „mal zu spinnen". Auch das ist reformatorisches Erbe. Lassen wir es leben.

 

Gesegneten Sonntag und ein querdenkerisches Reformationsfest


Karl Hans Geil, Dekan im Ried

 

 

Wort zur Woche
Liebe Leserin, lieber Leser!

„Wir hören sie in unseren Sprachen von den großen Taten Gottes reden!"
Dieser erstaunte Ausruf der Menschen ist für mich der wichtigste Satz der Pfingstgeschichte. Er beschreibt das Wunder, das die Geburtsstunde der Kirche ausmacht. Die Menge wird gar nicht fertig, die verschiedenen Herkunftsländer und Unterschiede aufzuzählen, aus denen die Zuhörerschaft der Pfingstpredigt sich zusammensetzt. Wie viele verschiedene Sprachen und Dialekte sich dahinter verbergen. Doch - o Wunder! Alle verstehen, was dieser Petrus da erzählt. Er hat eine Sprache gefunden, die verständlich ist. Er erreicht die Menschen und berührt sie damit. Er spricht alle an, überwindet Trennendes und führt so die so unterschiedlichen Charaktere, Kulturen, Interessen zusammen. Das ist das eigentliche Pfingstwunder. Am Ende steht eine Gemeinde der Getauften. Die Gemeinschaft entsteht aus der Überwindung von Unterschieden, weil sie die eine Sprache verstehen und sich verstanden fühlen.
Dieses Pfingstwunder, dass Menschen eine Sprache finden, die sie verstehen und in der sie sich auch verstanden fühlen, das wünsche ich mir heute. In den großen Zusammenhängen erlebe ich, dass es immer mehr Sprachregelungen gibt, um das gleiche zu beschreiben. Ob der Konflikt in der Ukraine, ob im chinesischen Meer, ob Fragen innerhalb der EU. Da wird vom gleichen Vorgang berichtet, doch die Schilderung und erst die Bewertung der Einzelnen, die liegen oft so weit auseinander.
Da sehen die einen im FIFA-Boss einen Verbrecher, andere fast eine Heilsgestalt. Eine Sprachregelung, in der sich eine überwiegende Mehrheit wiederfindet, scheint nicht möglich. Zu viele Einzelinteressen, zu wenig gemeinsame Interessen und deshalb keine Gemeinsamkeit, geschweige denn Gemeinschaft.
Ich habe lange überlegt, wo sich ein solches Wunder heute ereignet. Ich habe lange gebraucht, doch dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Es ist meine Straße. Ich bin vor zwei Jahren in ein Neubaugebiet gezogen. Der Bebauungsplan lässt recht viel eigene Gestaltung von Häusern zu. Es gibt einige Mehrfamilienhäuser, Reihenhäuser, einfache Fertigbauten und prächtige Bungalows. Do wohnen Menschen aus Lampertheim, aus vielen Gegenden Deutschlands, da leben Menschen aus Kroatien, Serbien, Italien, Syrien, Rumänien, aus der Türkei, Russland, USA, Thailand, Kosovo, Vietnam, Eritrea, Griechenland, - wobei es einige gibt, die ich nicht näher kenne und die Palette evt. noch bunter machen. Durch die vergleichbare Situation als Neubürger, durch vergleichbare Aufgaben wie Gartengestaltung, Tapezieren, Einrichten, sich neu zu recht finden, - dadurch gab es von Anfang an gemeinsame Themen, es gibt Nachbarschaftshilfe, es wird gegrüßt und auch miteinander geredet. Hinter unserem Haus befindet sich ein Grüngütel mit Kita, Krippe, Altenheim, einem großen Kinderspielplatz und ein Hundetobeplatz. Da ist regelmäßig viel Leben, ein Gewirr verschiedenster Sprachen und doch scheint es ein Verständnis untereinander und füreinander zu geben.
Wenn es das doch auch in den größeren Zusammenhängen gäbe. Ein Pfingstwunder - weltweit - das wäre mehr als wünschenswert, es wäre bitter nötig.
Am Sonntag ist als Predigtwort die Geschichte vom Reichen und dem armen Lazarus gegeben. Eine Einladung darüber nachzudenken, wie Gegensätze überwunden werden können.


Es grüßt Sie herzlich
Karl Hans geil, Dekan im Ried